Leider ist nicht zu erkennen, dass in den vergangenen Jahren aus dem Schreibverhalten der Kinder pädagogische Lehren gezogen wurden. Ein brauchbares Konzept für "Schulmeister" ist jedenfalls nicht entstanden. Stattdessen leben in unserem hochzivilisierten Land 10,5 Millionen Akademiker, Arbeiter, Künstler und Kinder, die nicht schreiben können. Was ist geschehen? Und wieso trifft es mehrheitlich die Jungen und nicht die Mädchen?


Die Schreibangst der Jungen entsteht, wenn...

...die Leistungen der Jungen an denen der Mädchen gemessen werden.

Aber Jungen schreiben nicht schlechter als Mädchen, sie schreiben anders, sie lernen es auch anders. Jungen versuchen mit aller Macht, sich an der Vorlage zu orientieren, und scheitern oft genau aus diesem Grund. Sie scheitern nicht etwa, weil sie die VA nicht verstehen oder weil sie eine grobe Motorik haben. Ganz im Gegenteil. Die Schriftproben, die als besonders katastrophal bezeichnet wurden, hatten fast alle dieselbe Auffälligkeit: Das Prinzip der VA, also das Zickzackdesign, hatten die Jungen absolut richtig verstanden, viele von ihnen verfügten sogar über ein besonders gutes Formverständnis. Aber wieso scheitern sie dann? Sie scheiterten an den vorgegebenen Bewegungsabläufen.

Dazu sollten Sie wissen, dass die VA ein Mix ist aus der deutschen Normalschrift , Druckgroßbuchstaben und Elementen der rund einhundert Jahre alten Sütterlinschrift, deren auffälliger Zickzack-Duktus den der VA dominiert. Die Kleinbuchstaben der VA sind offensichtlich in Anlehnung an die "Rauf-runter-rauf-Pünktchen-drauf"-Sütterlinschrift entworfen worden, und genau das setzen die Jungen im Heft um und entwickeln dabei eine Art "EKG-Handschrift" ? eine Schreibweise, die nicht fließend mäandert, sondern unförmig nach oben und unten ausschlägt.

An vielen Schulen hat es sich leider durchgesetzt, dass die Kinder, bevor sie mit der VA beziehungsweise der SAS beginnen, ein Jahr lang die Druckschrift (DS) 039 üben, obwohl sie ja eigentlich nur die DS-Großbuchstaben für die Schreibschrift brauchen.

Und nun stellen Sie sich vor, was im Kopf eines Schülers vorgeht, der, kaum dass er die Leseschrift druckgleich schreiben kann, ein weiteres neues Alphabet lernen muss, eines, das vielleicht nicht einmal seine Lehrerin richtig schreiben kann. Er muss sich oft jeden Buchstaben mit einem Lehrheft allein erarbeiten, und stellt dabei fest: Je mehr die Buchstaben der Vorlage entsprechen und je mehr er sie zu einem Wort verbindet, desto störrischer und verkrampfter werden die Schreibbewegungen. Und er übt und übt und alle sagen nur: "Du musst dir mehr Mühe geben!" Er gibt sich mehr Mühe, als man sich vorstellen kann.

Und so gesellt sich langsam aber sicher zum normalen Leistungsdruck dieses Kindes noch die Angst vorm Schreiben. Diese Probleme werden nicht allein aufgrund fehlender Informationen zu den Schreibbewegungen verursacht. Sie entstehen auch, weil von den Schülern erwartet wird, dass sie in der ersten Klasse die große und kleine Druckschrift beherrschen und in der zweiten die VA oder die SAS schreiben können. Am Ende des zweiten Schuljahrs haben sie mehr als einhundert Schriftzeichen erlernt, von denen die eine Hälfte zwar eingeübt wurde, aber nicht mehr geschrieben werden darf und die andere Hälfte für viele unschreibbar ist.

Sie sehen, auf die Schüler geht in den ersten beiden Schuljahren ein Schriftzeichenschwall unglaublichen Ausmaßes nieder, der vom Gehirn erst noch verschaltet (verstanden) werden muss. Dieser Buchstaben-Tsunami übt auf die Schüler einen ungeheuren Druck aus. sodass es im Kopf eskalieren muss. Beenden lässt sich dieser Zustand nur, indem bereits im Pädagogikstudium die Haltung all jener Pädagogen, die für den Schreibunterricht an Grundschulen mitverantwortlich sein werden, dahingehend verändert wird, dass sie den Grundschullehrern und -lehrerinnen das vorprogrammierte Versagen des Schreiben Lehrens ersparen.

Statt endlich den Kindern zu helfen und das "Übel beim Alphabet zu packen" grassiert an Schulen seit ein paar Jahren eine neue "Krankheit", die grafomotorische Störung (auch Schreibschwäche genannt) ? so jedenfalls lautet die häufigste Begründung für unlesbare Kinderschrift. Verzweifelte Eltern müssen mit dem Schuldgefühl zurechtkommen, ihrem Kind eine Behinderung vererbt zu haben. Sie werden zu Ärzten geschickt, die ihre "sensomotorisch gestörten" Kinder an Ergo- oder Physiotherapeuten überweisen, die aber zumeist auch nicht helfen können. Was die Lehrer nicht vermögen, sollen die Therapeuten nachholen? Schreiben lernen auf Krankenschein ? ist das die Lösung? Würden nicht so viele Branchen daran verdienen oder müssten die Eltern alle Therapien aus eigener Tasche bezahlen, sähe es im Deutschunterricht an den Grundschulen vielleicht besser aus.

 

Das bedeutet, Schüler machen keine falschen Schreibbewegungen, sondern nur die, die sie gelernt haben (oder sich selbst beibringen mussten). Sie hatten vorher keine Störung, aber hinterher auch nicht und ganz gewiss handelt es sich um keine krankhafte Veranlagung. Erwachsene müssen bei Kindern das korrigieren, was ihnen selbst zuvor falsch beigebracht haben. Deutlicher noch: Wer Schulanfängern Druckschrift malen als Schreiben lernen verkauft und es kurz darauf wieder verbietet, um nun das richtige Schreiben zu lehren, der verursacht bei Kindern Schrei(b)krämpfe.

Für Jungen wäre Schreiben lernen kein Problem, hielte man es beim Schreibunterricht wie beim Sportunterricht. Dort boxt nicht Frau gegen Mann ? dort bleibt man unter sich. Weil Männlein und Weiblein naturgemäß unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen, wird konsequent zwischen den Geschlechtern unterschieden: Jungen laufen schneller als Mädchen, können weiter springen und schwerere Gewichte stemmen, deshalb verläuft zwischen den Bewertungskriterien eine unsichtbare Mauer. Wieso nicht auch beim Schreiben? Wieso gilt die Durchschnittsgeschwindigkeit der Mädchen beim Erlernen des Schreibens als Standard für Jungen? Müsste dann folgerichtig nicht auch der nächste Marathonlauf nach diesen Kriterien bewertet werden ? dieser und alle anderen Disziplinen, in denen Frauen aufgrund ihrer angeborenen "Leistungsschwäche" gegen Männer chancenlos wären und permanent verlieren würden? Vielleicht wäre eine solche Vorführung mal ganz sinn- und wirkungsvoll. Denn dann würden die Frauen und Mädchen endlich nachfühlen können, wie frustriert und deprimiert viele Jungen durch die Schulzeit gehen. Jungen mit schlechter Schrift müssen in jedem Schulfach mit Punktabzug rechnen und ihre schulische Leistung wird deshalb oft nicht so bewertet, wie es ihrer intellektuellen Leistung entspricht.

Die Erkenntnis, dass die Sensomotorik der Jungen anders ist als die der Mädchen, ist so alt wie die Menschheit. ? Wieso wird dieses Wissen beim Schreiben lernen außer Kraft gesetzt?

Dass so furchtbar viele Jungen zu Schreibverweigerern werden und Angst vorm Schreiben haben, ist also keine Frage kollektiver Minderbegabung, zurückgehender männlicher Intelligenz oder gestörter Sensomotorik. Es ist ganz einfach ? und ich weiß, das hört sich nicht gut an ?, aber es ist tatsächlich das Resultat fehlender Rücksichtnahme auf die Jungen.